"21 nach Einheit": Kampfkünstler müssen wir sein

vom 16.01.2011

Eine Nachbetrachtung von Arielle Kohlschmidt zum Talk "21 nach Einheit"

Eggert-Hoenel

12. Januar, Wirtshaus zur Weinau, Treffen der Görlitzer Wirtschaftsjunioren.
Bewusst antizyklisch waren im 21. Jahr nach der Einheit Thomas Hönel und Heiner Eggert eingeladen. Ersterer Inhaber und kreativer Kopf der Agentur Zimmermann & Hönel. Der zweite Pfarrer und Innenminister A.D.. Ihre Biografien, ihr Alter könnten kaum unterschiedlicher sein. Eins hat sie ihr aber Leben lang verbunden. Die 80er Jahre in Zittau als offene Kritiker der DDR und das Mittragen des Wendegeschehens. Sie standen uns Rede und Antwort, moderiert von Mike Altmann und mir.


Natürlich kennen wir alle über sieben Ecken Helmut Kohl, Detlev Karsten Rohwedder oder Udo Lindenberg. Heiner Eggert kennt sie alle vom persönlichen Gespräch. Natürlich sind wir alle in unserem tiefsten Inneren Kämpfer für das Gute und die Gerechtigkeit. Thomas Hönel hat es einfach gemacht.

Thomas_Hoenel-Arielle_Kohlschmidt


Wirklich einfach? Zu einfach kommt es mir manchmal aus dem fernen Blick der heute die Geschichte Kennenden vor. Das Feindbild war damals leicht auszumachen. Für jedes Kind. Wenn mir damals erzählt wurde, dass der Kapitalismus bald untergeht und der Sozialismus immer schöner blüht, dann spürte ich ganz klar die Lüge. Dass der Sozialismus nebenbei so einige ekelhafte Blüten trieb, das konnte auch ich täglich erleben. Aber wer hatte schon Mut? Die Erfahrungen der Nazi-Diktatur gaben einem doch genaue Kenntnisse darüber, wozu Menschen fähig waren und immer sind, wenn Sie denn Macht und Gewalt haben und von einer Idee besessen sind.


Dass die neuen blühenden Landschaften bis heute keiner sehen kann oder will ist schade. Und dabei kann man das so einfach erfahren. Gerade uns Wirtschaftsjunioren hätte es so doch nie gegeben. Eine eigene Firma aufmachen? In Führungspositionen gelangen ohne Parteizugehörigkeit? Keine Chance.

Mike_Altmann-Heiner_Eggert


Wer wären wir also heute ohne die beiden, die beispielhaft für eine ganze Reihe mutiger Frauen und Männer stehen? Mike Altmann wäre vielleicht Lehrer für Deutsch und Geschichte - mutma?Ÿt er. Immerhin würde ich zu ihm meine Kinder gern schicken (Mike, überleg Dir's noch mal ;-)) Thomas Hönel denkt, er wäre im Knast gelandet, dann von der BRD freigekauft oder dorthin geflüchtet, hätte eventuell Psychologie oder Design studiert oder wäre professioneller Kampfkünstler geworden. Ich selbst sehe zwei Möglichkeiten vor mir. Entweder ich wäre unter die freien Kreativen gegangen, die ihr Selbstgebasteltes auf Märkten verkauften, immer mit der Möglichkeit als ?€žAssi" verfolgt zu werden. Oder ich wäre tatsächlich Psychologin geworden. Ja, wir wären alle etwas geworden und lebten auf die ein oder andere Weise auch immer noch.


Das ?€žWirtshaus zur Weinau" dagegen wäre wahrscheinlich wie ein guter Teil von Görlitz und Zittau den grausamen Tod fast aller wunderbaren, alten Häuser gestorben: nach einer langsamen und schmerzhaften Krankheit genannt Verfall. Ende der 80er war es schon schwer marode. Heute betreiben es "junge Leute" aus Zittau. Einige der Hiergebliebenen. Eine Diskussion, die sich im Anschluss der Veranstaltung weiter im Internet entspann. Warum bleiben wir hier? Warum gehen andere weg?


Thomas Hönel und Heiner Eggert sind Kämpfer gewesen und sind es immer noch. Beide haben etwas erlebt. Vor allem weil beide wachen Auges und mutigen Herzens waren. Der Erste ist damals durch einen Impuls seiner Eltern hineingeraten, der zweite aus genau dem entgegensetzten Grund. Beide haben einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit und so haben beide etwas bewegt. Andere Leute mitgerissen, die anfangs nur abwartend hinter dem Vorhang standen. Und wenn einer nun sagt: Es war doch alles so warm und so sicher in der DDR. Der hat genau das nicht getan. Der hat sich seine Ketten zu einem kratzenden Wollpullover geträumt.

21-nach-Einheit


Und was gab mir der Abend?
Vieles können wir uns auch heute besser denken. Aber das ist nur ein Anfang. Auch heute müssen wir hinter unseren Vorhängen hervorkommen. Selbst wenn keiner da drau?Ÿen herumläuft und das Offensichtliche herausschreit. Wir müssen laut sagen, was wir denken. Auch heute braucht es Mut dazu.
Egal wo wir leben: Kampfkünstler müssen wir sein.


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